Theodor Kery WP 2/3, A-2491 Neufeld/L.
+43/2624/54014 - office@websteiner.com
Seit Mai 2007 ist das erste
österreichische Keramikmuseum, das „Keramikmuseum Scheibbs“, geöffnet.
Es zeigt die expressive Keramik der Tonindustrie Scheibbs der
20er-Jahre mit starker Nähe zur Wiener Werkstätte (Rudolf Knörlein,
Gudrun Baudisch, Walter Bosse, Josef Hoffmann, Einfluss Vally
Wieselthier u. a.) und die Kunstkeramik der Kriegs- und Nachkriegszeit
bis heute.

Buchstützen, Vasen
Buchstützen gaben in allen Manufakturen Gelegenheit zu besonderer
Kreativität. Jene der Tonindustrie Scheibbs waren wohl mehrheitlich
Bosse-Entwürfe, die reitenden Kinder könnten von Michael Powolny sein.
Die (Sonnen-)Gesichter auf den Vasen wie von südamerikanischen Urnen!

Ringvasen, Steckvasen, Henkelkörbchen Bowletöpfe, Übertopf mit Phönixen
Je kurioser und ausgefallener die Kreationen waren, desto mehr war
Ludwig Weinbrenner begeistert! Hilde Heger (1994).:"Das war der
interessanteste Chef in meinem Leben...."

Blüten und (Eichen-?)Laub als Dekor
In Verbindung mit durchbrochenen Flächen verleiht dieses Dekor den
Objekten eine duftige Leichtigkeit. Es war bis zum Ende der ersten
Produktionsperiode im Programm.

Die Tonindustrie Scheibbs 1923 - 1933
1923 Der aus Wien zugezogene Gärtner Ludwig Weinbrenner
(1881-1966) gründete nach Auffinden eines geringen Tonvorkommens auf
seinem Grund spontan eine Tonwarenerzeugung. Als ersten Künstler und
Werkleiter engagierte er Rudolf Knörlein, (später Mitarbeiter der
Wiener Werkstätte, ab 1936 Leiter der Gmunder Keramik) und als weitere
Künstlerinnen Elisabeth und Gundi Krippel.
Knörlein war in der Wienerberger Werkstättenschule bei Robert Obsieger,
die Krippel-Schwestern ebendort und abschließend in der Wiener
Kunstgewerbeschule bei Michael Powolny ausgebildet worden.
1924 Weinbrenner erwarb und
pachtete Teile des Fabrikareals der in Konkurs gegangenen Achsen- und
Weichguss-Fabrik Gaissmayer & Schürhagel in Heuberg, ließ zwei
gemauerte Brennöfen errichten, nahm die aus Frainersdorf (Mähr.)
stammende und in Mürzzuschlag (Fa. Birnstingl) arbeitslos gewordene Familie Illek (Vater, Sohn und Angehörige) und Vater und Sohn Schmidtchen
von der Fa. Erndt (Klein-Pöchlarn) als Keramiker und weitere fünfzig
arbeitslos gewordene Eisenarbeiter aus Heuberg-Scheibbs als Hilfskräfte
auf und betrieb eine großangelegte Erzeugung von Kunstkeramik und
Steingutwaren.
Im Sommer 1924 gingen die Krippel-Schwestern und Rudolf Knörlein nach Wien zurück. Helene Dörr
kam als neue Künstlerin nach Scheibbs. Sie war Absolventin der
Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, hatte zwei Jahre die
Kunstgewerbeschule in Wien und anschließend eine eineinhalbjährige
Lehrzeit mit Gesellenprüfung bei Vally Wieselthier, der bedeutendsten
Keramikkünstlerin ihrer Zeit, absolviert. Von ihr stammen die
hemmungslosen, unbekümmerten, flotten Glasuren!
Josef Hoffmann, Gudrun Baudisch, Franz Schleiß und andere Keramikgrößen
kamen in dieser Zeit oft nach Scheibbs und hinterließen deutliche
Spuren (Entwürfe - Köpfe - Glasuren).
1925 Hilde Heger,
diplomierte Keramikerin (Michael Powolny, Praxis bei Vally Wieselthier)
kam nach einjähriger Tätigkeit in Radstadt nach Scheibbs und brachte
viele Entwürfe mit, die sie hier umsetzen konnte. Sie wurde
Weinbrenners fruchtbarste Designerin.
Walter Bosse war einige Monate hier tätig, von ihm stammen u.a. viele groteske Tierfiguren.
Weinbrenner exportierte weltweit, vor allem in die U.S.A. und nach
Südamerika, in New York importierten die Galerien Geo. Borgfeld und
Paul T. Frankl Keramik aus Scheibbs. Für den internationalen Versand
gab es eine eigene Kisten- und Holzwolleerzeugung.
1926 Erste finanzielle
Probleme, Weinbrenner musste Helene Dörr entlassen, nach wechselhaftem
Schicksal lebte und arbeitete sie ab 1940 in Innsbruck.
1927 Weinbrenner konnte auch
Hilde Heger nicht mehr bezahlen, sie übersiedelte nach kurzer
Wanderschaft nach Salzburg, wo sie eine bedeutende Bildhauerin wurde.
Alexander Mathé arbeitete seit
1925 als Maler und Designer eher im Hintergrund, er blieb noch bis
1930, ab 1927 stammen von ihm hübsche Entwürfe im Stil des Art deco.
1929 Der Börsenkrach in den
U.S.A. ließ den Export nach Amerika schlagartig erliegen, auch Europa
erfasste die Wirtschaftskrise, dazu kam die politische Entwicklung in
Deutschland, die Tonindustrie kam in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Ton musste längst schon zugekauft werden, die teure und aufwendige
Produktion der Kunstkeramik konnte nicht auf die Preise umgelegt werden.
1933 Nach verzweifeltem Kampf
musste Weinbrenner Konkurs anmelden, alle Güter, die Gärtnerei und
aller Hausrat wurden versteigert, die Manufaktur kam unter gerichtliche
Zwangsverwaltung und wurde geschlossen. Weinbrenner selbst flüchtete
nach Paraguay und kehrte nie mehr zurück. Er starb erst 1966.

4 Frauenköpfe - Scheibbs 1924 (h=21 - 23 cm), Gudrun Baudisch (1904 - 1984)
Gudrun Baudisch war oft in Scheibbs bei Weinbrenner zu Besuch. Hier
entstanden die ersten ihrer berühmten Köpfe, die sie ab 1926 für die
Wiener Werkstätte gestaltete. Sie gründete 1947 die Hallstätter Keramik.
Die Köpfe sind mit dem Scheibbser Wappenstempel gemarkt und wurden von
Hilde Heger eindeutig als Baudisch-Köpfe identifiziert: „...Die sind in
Scheibbs herumgestanden, als ich dort angefangen habe..." (Anm: Hilde
Heger kam am 8.1.1925 nach Scheibbs). Die Köpfe drücken in Form,
Haltung und Farbe die damals neue Emanzipation der jungen Frauen in den
20er-Jahren aus.

Vasen und Übertöpfe der Wiener Werkstätte zusammen mit der Tonindustrie Scheibbs (Scheibbs um 1925)
Diese Gegenstände wurden in Kooperation der WW mit der Tonindustrie
Scheibbs erzeugt und vertrieben, sie tragen die Marken der WW und der
Tonindustrie Scheibbs.

Entwürfe 1923 - 1927: Japonismus in Scheibbs! Übertöpfe, Jardinieren
Weinbrenners Beruf als Gärtner und seine Begeisterung für die
fernöstliche Gartengestaltung schlugen sich in seiner Keramikproduktion
für den Gärtnereibetrieb deutlich nieder.

Übertöpfe, Blumentöpfe, Kaktusbrücken, Jardinieren
für En-gros - und En-détail – Kunden im Art déco oder in der Art der Wiener Werkstätte für das Haus und die Gartengestaltung im Freien.

Schalen, Vasen, Krüge, Jardinieren, Elefanten - Hilde Heger
Über 60 Entwürfe von Hilde Heger waren 1924 für die Fiala-Keramik in
Radstadt entstanden, wurden aber erst ab 1925 in Scheibbs verwirklicht.
Sie wurden zu einem besonderen Merkmal der Tonindustrie Scheibbs.

Die Scheibbserin Frieda Weidinger schuf nach dem Modell von Hilde Heger
um 1925 diesen Elefanten, als sie sich als arbeitslose Lehrerin
fallweise in der Tonindustrie Scheibbs als Keramikerin versuchte.

Hilde Heger (1899 - 1998) (in Scheibbs 1925 - 1928)
Reliefplatte mit Rehen, Keramik unglasiert Salzburg 1933
Viele Entwürfe von Hilde Heger zieren Tierplastiken, vielfach Rehe -
auf Schalen, Vasen, Übertöpfen u.a., auch in Salzburg modellierte sie
immer wieder Tierplastiken, die oft - wie ihr berühmter Papageno - in
Bronze gegossen wurden.

Grotesken, Jardinieren, Körbchen, Übertopf (Hochzeitsgeschenk?)
Walter Bosse (1902 - 1978)
Auch Walter Bosse hinterließ um 1925 Spuren in Scheibbs: Künstlerisch
gestaltete, witzige, groteske Verfremdung natürlicher Vorlagen, meist
Tiergestalten in Verbindung mit einer praktischen Funktion.


Entwürfe und Glasuren wie von Vally Wieselthier (1895-1949)
Vally Wieselthier war zu Beginn der 20er-Jahre die herausragendste
Keramikkünstlerin Wiens. Ihre Keramiken haben eine temperamentvolle
expressiv-barocke unbekümmerte Bewegtheit, die sich auch in den
Arbeiten von Hilde Heger und Helene Dörr widerspiegelt.

Teller, Krüge, Krügel, Most-Plutzer und einfache „Bauernvasen"
waren die einzigen Formen der Tonindustrie Scheibbs, die auf das
traditionelle Töpferhandwerk zurückgehen - die Bemalung war auch hier
oft gewagt expressiv, und es gleicht kein Stück dem anderen.



Glasurenvielfalt
Ein und dasselbe Modell wurde in unzähligen Varianten glasiert, kein Stück gleicht dem anderen.

Durchbrochene Wandungen
waren ein besonderes Stilmittel, kompliziert und zeitaufwendig herzustellen, in der Wirkung aber besonders reizvoll.

Teller mit durchbrochenem Rand
Die Ausnehmungen waren in der Eindrehform vorgegeben und wurden, wenn
der Roh-ling lederhart war, mit einem Messer ausgeschnitten.

Aufsätze
„Aufsatz" nennt man eine Schale auf einem „Fuß“ – Schale und Fuß wurden vielfältig und reizvoll gestaltet

Figürliche Keramik
Außer der Wiener Werkstätte (WW) hatte keine vergleichbare Manufaktur
soviel figürliche Keramik im Programm. Beim Entwerfen der Modelle gab
es in der Modellstube oft viel Spaß!


Tiere als Schalenträger
Entwürfe von Hilde Heger oder Walter Bosse mit Glasuren von Helene Dörr
- der Einfluss von Michael Powolny und Vally Wieselthier ist deutlich!


Kerzenleuchter wurden vielfach
für den Export, vor allem für die U.S.A. hergestellt. Auf besonderen
Wunsch der Importeure hatten die Tüllen entsprechend den amerikanischen
Kerzen größere Durchmesser als sie bei uns üblich waren.

Leuchter, Lampenfüße
Das elektrische Licht war in den Häusern noch eine junge
Errungenschaft, entsprechend wurde der Gestaltung elektrischer
Beleuchtungskörper besondere Aufmerksamkeit zuteil. Tischlampen aus
Scheibbs waren besonders expressiv (Entw. von H. Heger und W. Bosse,
Glasuren von Helene Dörr).

Tabaksdosen, Jamtöpfe und andere Deckeldosen
gab es in vielen Varianten. Stege und Applikationen als Stilmittel der
Flächengestaltung waren für die Tonindustrie Scheibbs besonders typisch
- nicht nur auf Deckeldosen - ebenfalls ein Einfluss von Vally
Wieselthier.

Kaffee- und Teeservice
Die kraftvollen Formen und Dekore wurden seinerzeit in Scheibbs besonders bestaunt. Designer: Rudolf Knörlein oder Walter Bosse



Stege und Zeichen wie geheimnisvolle Symbole und kräftiges Art déco als Dekor.

1925 - 1933 wurde in Scheibbs Steingut-Geschirr mit „Bauerndekor" erzeugt

Zier- oder Wandteller
Von der Wilhelmsburger Keramik gibt es diese Spruchteller fast ident,
beide Firmen bezogen die fertigen Dekore, die wie Abziehbilder
aufgetragen wurden, von demselben Lieferanten; die Firmenleiter waren
befreundet und pflegten engen Kontakt.
Trink Dich voll, Ess Dich dick, Red' nicht viel von Politik.
Tages Arbeit, Abends Gäste - Saure Wochen, frohe Feste.
Wie die Traube am Spalier, Liebchen, hängt mein Herz an dir.
Laß' nie durch Fernspruch Dich aus der Ruhe bringen, Denk stets an den Kernspruch Des Götz von Berlichingen.



Die hübschen Jugendstildekore stammen von Josef Hoffmann, der häufig bei Freunden im nahen Gresten zu Besuch war und bei dieser Gelegenheit gerne auch zu Weinbrenner nach Scheibbs kam.



Marmeladetöpfe und Likörflaschen
Ludwig Weinbrenner erzeugte aus Beerenobst der Gegend und aus
Südfrüchten Marmeladen und Liköre und belieferte damit - zusammen mit
frischen Eiern aus seiner Geflügelfarm und Blumen aus seiner Gärtnerei
- wöchentlich mehrmals die ersten Häuser in Wien. Nach der Gründung der
Tonindustrie Scheibbs 1923 ließ er für seine Marmeladen und Liköre
eigene Gebinde aus Keramik und Steingut anfertigen.


Obstkörbe und -schüsseln waren beliebte Kreationen. Weintrauben,
Weinlaub und Obst waren auf Schüsseln, Tellern und Schalen sehr beliebt.

Alexander Mathé (1900-1963)
lieferte - als Weinbrenner sich die teuren Künstler nicht mehr leisten
konnte – hübsche Entwürfe im Stil des Art decó: Durchbrochene Schüsseln
und Schalen, getupfte Stege...

Verschiedene Kreationen im Stil des Art déco
Als sich Weinbrenner nach dem Börsenkrach in den U.S.A. die teuren
Künstlerinnen nicht mehr leisten konnte, war Alexander Mathé der
einzige, der noch neue Entwürfe lieferte. Seine Art Deco - Kreationen
sind originelle, gute Kunstkeramik im Stil der Zeit.

Sakrale Motive und Übertöpfe
Sakrale Motive kamen in der Tonindustrie Scheibbs wenig vor:
verschiedene Weihbrunnkessel, entworfen von Gundi Krippel, die Heilige
Familie im Art Deco, entworfen von Alexander Mathé.


Scheibbser Keramik 1937 bis heute

Die Hafnerei Schuhei-Mader, Oberndorf an der Melk
Am Haus Altenmarkt 4, Gem. Oberndorf, ist seit 1697 das Hafnergewerbe
nachweisbar. Durch Kauf, Einheirat, „Lecitation", Vererbung und
Übernahme waren bis 1878 nacheinander Adam Kohl - Franz Fryauff - Peter
Klueng - Johann Koeberl - Johann Michael Öttl - Andreas Gurth - Josef
Frank - Simon Elsenbauer - Johann Frank - Karl Richnowsky Inhaber des
Gewerbes.
1878 heiratete Franz Schuhei Richnowskys Witwe, er übergab 1909 die
Hafnerei an seinen Ziehsohn Florian Mader. Die Mader sind seither nun
schon in vierter Generation als Hafner hier ansässig. Florian Mader,
der die eigene Erzeugung erst 1950 einstellte, betrieb drei Brennöfen,
einen Rund- und einen Langofen und einen Ofen für Schwarzgut, die alle
mit Weichholz aus der Umgebung befeuert wurden. In zwei übereinander
liegenden Werkstätten mit je vier Handscheiben stellte er noch selbst
Schüsseln, Plutzer und Krüge (größere Krüge mit Leisten -
„Fingerkrüge"), Milch- und Kochgeschirr, Backmodel, Schafkäsmodel,
drei- und vierfüßige Käse- und Durchtreibhäfen, Blumentöpfe und
Ofenkacheln her.
Der Ton kam per Bahn von Klein-Pöchlarn u. aus Furth-Göttweig bis
Purgstall, von wo ihn Bauern mit ihren Fuhrwerken nach Oberndorf
brachten. Die Glasuren ließen sich Schuhei wie auch Mader im Rohzustand
schicken. Je nach Wunsch und Bedarf wurden sie mit Sand, Blei,
Kupferasche oder Braunstein gemischt. Schuhei uund Florian Mader
belieferten vorwiegend die Bezirke Melk und Scheibbs. Aus dieser Zeit
stammen viele hell- bis dunkelbraune Schüsseln mit einfachen
Wellenbändern am Rand, dunkelbraune Krüge und Plutzer mit grünen
Längsstreifen oder grobmaschigem Karo und ebensolche Schüsseln,
dunkelbraune oder dunkelgrüne Backmodel, Milch- und Käsegeschirr und
viele Kachelöfen und Sparherde.
Als zwischen 1870 und 1910 die Bauern die Schwarzen Küchen aufließen
und durch rauchfreie ersetzten, kamen die Hafner durch die große
Nachfrage zu Wohlstand. Die Notzeit zwischen den beiden Weltkriegen
ließ die Geschirrproduktion noch einmal kurz aufblühen, wurde aber bald
nach 1945 unrentabel und 1950 eingestellt. Heute führt der
Betriebsinhaber alle modernen Hafnerarbeiten wie Fließenlegen und
Ofensetzen aller Art aus. Von der einstigen Hand- und Kunstfertigkeit
und dem ursprünglichen Gefühle für Farbe und Form blieb gediegenes
handwerkliches Können und guter Geschmack, was der Hafnerei in
Oberndorf bis heute ihren guten Ruf bewahrt hat.

DER EISERNE FADEN (FIL DE FER)
RASTELBINDER - DRAHTBINDER - TOPFFLICKER: DIE RASTELBINDER UND IHRE WAREN
Die Rastelbinder waren wandernde Handwerker, meist Roma aus Ungarn,
Böhmen, Kroatien und der Slowakei, die durch Hämmern, Schneiden, Löten,
Stanzen und Flechten kalte Metalle verarbeiteten. Ab dem 17.
Jahrhundert eigneten sie sich selbst die Handfertigkeit an,
beschädigtes Tongeschirr ihres bescheidenen Hausrates mit Hilfe eines
fein geschmiedeten Drahtes auszubessern. Alsbald boten sie gegen
geringes Entgelt auch den Bewohnern ihrer Umgebung ihr Können an.
Schritt für Schritt entfaltete sich die Drahtflechterei zu einem
eigenen Berufsstand, und seit Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sie
sich zu einem regelrechten Wirtschaftszweig.
Die slowakischen Drahtbinder zogen durch alle Lande der weiten österr.
ungar. Monarchie und auch über deren Grenzen hinaus. Besonderes
Geschick war für die Reparatur von gebrochenen Tongefäßen notwendig.
Die Rastelbinder, wie sie bald genannt wurden, verstanden es,
zerbrochenes Tongeschirr so zusammenzusetzen und mit einem Mantel aus
Drahtgeflecht zu überziehen, dass die Gefäße wieder verwendbar waren.
Als Klebstoff für die Bruchstellen verwendeten sie gekautes Brot. Manch
teurer Topf wurde auch schon vor dem ersten Gebrauch vorsorglich
eingestrickt. In geschlossenen Ortschaften schlugen die Rastelbinder
ihre Werkstatt meist am Ortsrand auf, entweder in einem eigenen
Planenwagen oder einfach unter einem Baum. In der Streusiedlung wie
hier im Mostviertel wanderten sie von Hof zu Hof, wo die gebrochenen
Töpfe von der Hausfrau das ganze Jahr bis zum Besuch des Rastelbinders
aufgehoben wurde. - In zwei irdenen Töpfen, die sie über die Schultern
gebunden hatten, trugen sie Draht, Bleche und Werkzeug mit sich, was
beim Gehen weithin scheppernd zu hören war. Eine Puchenstubenerin
erinnerte sich: „Ma hat s' scho von Weitem g'kennt und g'hört..."
Einige dieser Wanderhandwerker gelangten zu Wohlstand und kehrten in
die Heimat zurück. Andere ließen sich im Ausland nieder, insbesondere
in Russland, Deutschland, Frankreich und sogar in den U.S.A., wo sie
ihre Waren den
Erfordernissen einer anspruchsvolleren Kundschaft anpassten. Anstelle
von Löffeln, Schöpfern, Sieben, Körben und Mausefallen stellten sie
nunmehr raffiniertere Gegenstände wie Bilderrahmen, Obstschalen,
Gläserkörbe, Spielzeug und Vogelkäfige her. Das Drahtbinderhandwerk
erlebte um die Wende vom 19. auf das 20. Jhdt. seinen Höhepunkt
in Europa und in den U.S.A waren damals rund 10.000 Drahtbinder tätig.
Es entstanden eigene Werkstätten, vornehmlich in Frankreich und in den
Vereinigten Staaten wurden große Mengen Drahtgeflecht über Kataloge des
Versandhandels und von Großkaufhäusern an eine zahlreiche Käuferschaft
herangetragen.
Bei uns wurden die Rastelbinder immer als Exoten betrachtet und im 20.
Jahrhundert von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet. Ihr
Handwerk ist seither komplett ausgestorben, nicht zuletzt auch wegen
der Konkurrenz von Waren aus rostfreiem Stahl, Email oder Plastik. Nur
in der Operette „Der Rastelbinder" von Franz Lehar und als
Räuchermännchen des Erzgebirges ist der Rastelbinder noch lebendig.

Aus der Hafnerei Schuhei- Mader: Firmenschild Franz Schuhei - um 1880
Zwei Zier-Modeln für Ofenkacheln um 1880
Model mit Doppeladler dat.: 1726 -I.H.
Modeln für Kachelapplikationen:
„Auferstandener" und „Tartar mit Schwert" Modeln für Gugelhupf-Backformen
Model für eine Fatschenkindl-Backform
Schwedischer Kachelofen, Modell, 1890
Handscherben, „Franz Schuhei 10.9.1890"

Die Scheibbser Keramik (seit 1937)
1937 Franz Schmid,
gelernter Eisendrehermeister bei Gaissmayer & Schürhagel, seit 1924
bei Weinbrenner Keramiker, pachtete dic stillgelegte Manufaktur und
ließ sie mit einer Handvoll ehemaliger, nun arbeitsloser Mitarbeiter
als "Scheibbser Keramik" wieder aufleben. Teilweise wurden alte Modelle
weniger aufwendig aufgelegt, teilweise entstanden aus der Belegschaft
heraus neue Formen (ab 1939 Mitzi Stamminger). Während des Krieges
wurden Teller und Becher für Lazarette erzeugt, nach dem Krieg billiges
Geschirr ("Porzitt"), bald aber wieder Kunstkeramik im Stil der Zeit
mit den typischen Garnierungen wie Alpenblumen und Früchte. Manche
Modelle der "Tonindustrie Scheibbs" waren immer noch gefragt: Die
Traubenschale, die Weintraubenschüssel, Elefantenschalen u.a.
1947 Theo Weinbrenner und Martha Edenberger,
die in Scheibbs gebliebenen Kinder Ludwig Weinbrenners erhielten die
Scheibbser Keramik aus der gerichtlichen Zwangsverwaltung zurück. Theo
Weinbrenner führte nun die Firma selbst weiter. Der Stil der Zeit
spiegelt sich in den Produkten wider. Nach den Laufglasuren und den
frugalen Garnierungen kamen die schwarzen Glasuren mit Golddekoren auf
und schließlich die asymmetrischen Formen in olivgrün u.ä..
1957 Konkurs der Scheibbser
Keramik wegen unwirtschaftlicher Führung. Martha Edenberger übernahm
die Firma und suchte einen Ausstieg.
1964 Wolf Dieter Mießl pachtete
erst und kaufte dann die Scheibbser Keramik und hatte zusammen mit
seiner ersten Mitarbeiterin Ulli Stadler große Erfolge mit seinen in
Stoob gelernten Malhorn- und Kammzugmustern, die Heimatwerke, Tobi
Reiser in Salzburg und die Trapp-Familie in den USA waren gute Kunden.
1987 Mießl verpachtete erst und
verkaufte schließlich die Scheibbser Keramik aus gesundheitlichen
Gründen an den Verein Lebenshilfe, der den Betrieb als geschützte
Werkstätte führt.
2004 Der Verein Lebenshilfe übersiedelte mit der Keramikwerkstätte in ein neues Betriebsgebäude.
2007 Eröffnung des
Keramikmuseums im ehemaligen Betriebsgebäude der Tonindustrie Scheibbs
bzw. Der Scheibbser Keramik mit der Sammlung Hottenroth, die seit 1993
in aller Welt, besonders auch in den U.S.A. aufgespürt und
zusammengetragen wurde.
Seit 1937 Scheibbser Keramik Alte Modelle – neu aufgelegt
Nach dem Konkurs der Tonindustrie Scheibbs 1933 und einer mehrjährigen
Pause pachteten 1937 ehemalige Mitarbeiter den Betrieb von der
gerichtlichen Zwangsverwaltung und erzeugten vorerst mit alten, teils
vereinfachten Modellen wieder Kunstkeramik.

Erste neue Entwürfe
Noch während des 2. Weltkrieges entstanden erste neue Entwürfe, die
noch dem Art decó verhaftet waren. Nach dem Krieg knüpfte die
Manufaktur an provinzielle Vorbilder an

Die neue Keramik glich anderen Produktionen ähnlicher
Provinz-Manufakturen (Mürzzuschlag, St.Peter bei Graz, Liezen,
Sierndorf u.a.)

Die 50er und 60er–Jahre
spiegeln sich auch in der Produktion der Scheibbser Keramik wieder -
nach Überwindung des „Alpenländischen" kamen asymmetrische Formen und
Golddekor auf schwarzem oder pastellgrünem Grund auf: Die erste Eleganz
(oder die erste Avantgarde?) nach dem Krieg.


Beim Besuch wird von Hans Hagen Hottenroth und Gattin persönlich über
das Museum und seine Geschichte informiert. Alleine diese Begegnung
macht dieses Ausflugsziel zu einem Erlebnis und sollte nicht verpasst
werden.

Wolf Dieter Mießl (1943–2000)
ausgebildet als Hafner und Ofensetzer in der Fachschule Stoob (Bgld.),
pachtete 1964 – und kaufte 1965 die Scheibbser Keramik. Großer Erfolg
mit „Bauernkeramik“ Dekore mit Kammzugmuster und Malhörndl (bis 1974
Mitarbeiterin Ulli Gschwandtner). Haupt-Abnehmer waren die Heimatwerke,
Tobi Reiser und die Trapp-Familie. Erfolgreiche Teilnahme an
Fachmessen. Daneben entstanden eigenwillige Künstlerische
Originalkeramiken. Mießl verpachtete 1987 und verkaufte schließlich die
Firma an den Verein Lebenshilfe, der die Scheibbser Keramik heute noch
– seit 2004 in einem neuen Gebäude - betreibt.

Wem der viele Text zu lange war und lieber Bewegtbilder mit Musik mag,
kann sich gerne dieses Video antun: